Mönchsarbeit im Archipel
3 estrellas
Ein Roman, der handwerklich kaum Angriffsfläche bietet und mich trotzdem kaltgelassen hat. Das liegt weniger an den Sätzen als an dem, worauf sie gebaut sind. Am ehesten trägt noch Thomas Metcalfe, der Literaturwissenschaftler des Jahres 2119, dessen Forschung McEwan mit einer professoralen Abgehobenheit ausstattet, die er genau trifft. Auffällig ist nur, dass die Figuren, die Metcalfe untersucht, dieselbe Sphäre bewohnen wie er: alles akademisch grundiert, alle aus derselben Ecke denkend, hinter allen derselbe Autor zu ahnen. Metcalfes Existenz hat dabei etwas Mönchisches, obwohl er in einer Beziehung lebt — das Vergraben in Archiven, die Askese des Wissens. Mir kamen beim Hören wiederholt Name-der-Rose-Assoziationen.
Nur trägt die Konstruktion für mich nicht. Ein verschollener Sonettenkranz ist das Zentrum einer Welt, in der Menschen auf Atollen leben und Proteinkuchen essen, und dieses Leben bleibt Nebensache. Dass die Diskrepanz absichtsvoll gesetzt ist, glaube ich sofort; der Roman stellt seine akademische Versenkung mit einer …
Ein Roman, der handwerklich kaum Angriffsfläche bietet und mich trotzdem kaltgelassen hat. Das liegt weniger an den Sätzen als an dem, worauf sie gebaut sind. Am ehesten trägt noch Thomas Metcalfe, der Literaturwissenschaftler des Jahres 2119, dessen Forschung McEwan mit einer professoralen Abgehobenheit ausstattet, die er genau trifft. Auffällig ist nur, dass die Figuren, die Metcalfe untersucht, dieselbe Sphäre bewohnen wie er: alles akademisch grundiert, alle aus derselben Ecke denkend, hinter allen derselbe Autor zu ahnen. Metcalfes Existenz hat dabei etwas Mönchisches, obwohl er in einer Beziehung lebt — das Vergraben in Archiven, die Askese des Wissens. Mir kamen beim Hören wiederholt Name-der-Rose-Assoziationen.
Nur trägt die Konstruktion für mich nicht. Ein verschollener Sonettenkranz ist das Zentrum einer Welt, in der Menschen auf Atollen leben und Proteinkuchen essen, und dieses Leben bleibt Nebensache. Dass die Diskrepanz absichtsvoll gesetzt ist, glaube ich sofort; der Roman stellt seine akademische Versenkung mit einer gewissen Überdrehtheit aus. Aber über das Ausstellen hinaus gewinnt er daraus wenig. Das Missverhältnis wird gezeigt und dann bewohnt, statt befragt zu werden.
Die Ausnahme ist die stärkste Szene des Buches: Metcalfes Studierende verlassen die Vorlesung, weil sie nicht länger hören wollen, wie viel bedeutender Literatur früher war. Sie wollen ihr eigenes Leben statt der ewigen Rückschau. Hier wird tatsächlich gefragt, ob diese Form geisteswissenschaftlicher Aneignung das ist, was eine solche Welt braucht — und der Roman beantwortet es nicht, was ihm gut ansteht.
Anders als ein Teil der Kritik halte ich den zweiten Teil für den stärkeren. Er hat Zug, er ist näher dran, und die weibliche Ich-Stimme gelingt McEwan besser als vielen Autoren, die sich daran versuchen; der Tonfall stimmt, ohne dass man den Konstrukteur permanent mithört.
Was mich nicht überzeugt, ist die Konstruktion des unzuverlässigen Erzählers. Zwischen Quelle und Rekonstruktion liegen hundert Jahre, Kriege, Atomschläge und eine Flutkatastrophe. Dass das, was man aus dieser Zukunft über unsere Gegenwart zu wissen glaubt, nicht deckungsgleich ist mit dem, was geschehen ist, folgt bereits zwingend aus dem Setting. Die Unzuverlässigkeit ist nicht die Enthüllung, sondern die Voraussetzung — und eine Wendung, die aufdeckt, was ohnehin schon gilt, entwickelt keine Wucht. McEwan beherrscht dieses Instrument, das ist bekannt. Hier läuft es ins Leere.
Ähnlich dünn bleibt der ökologische Kollaps: eine Zukunft aus Andeutungen, die kaum mehr leistet, als den zeitlichen Abstand zu beglaubigen, der die Suche nach dem Gedicht überhaupt plausibel macht.
Handwerklich ist das alles auf hohem Niveau, Figurenzeichnung und Dialoge liest und hört man gern, und die Lesung von Eva Mattes und Johann von Bülow fügt sich unaufgeregt ein. Von den Füßen holt mich weder das eine noch das andere.